Über mich

geschrieben von Annelise Moser

Mein Name ist Annelise Moser. Ich wurde 1957 in Vaz/Obervaz GR geboren und bin geschieden. Aufgewachsen bin ich wegen meiner Behinderung in Zürich in einem Behindertenheim. Meine Bürolehre absolvierte ich ebenfalls in einer Behinderteneinrichtung in Zürich. Es bestand für Rollstuhlfahrerinnen/Rollstuhlfahrer zu diesem Zeitpunkt noch keine Möglichkeit, die Ausbildung im Kaufmännischen Verein Zürich zu absolvieren.

Das Engagement für Minderheiten zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben, prägte mich und trieb mich stets an. Als vollblütige Jenische – seit Geburt im Rollstuhl und dazu noch eine Frau - war ich bestens ausgerüstet für einen mir bevorstehenden Kampf und lebenslangen Einsatz für Minderheiten.

Aus der Presse kennt man mich als Behindertenrechtsaktivistin. Ich setzte mich für das BehiG (Behindertengesetz) ein. Um unserer Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, besetzten wir im Juni 1997 den Kocherpark in Bern.

Insbesondere bezog sich meine Kerntätigkeit zwischen 1994 - 2006 auf das politische Engagement für die Gleichstellung von Assistenzhunden mit dem Blindenführhund sowie deren Aufnahme in den Hilfsmittelkatalog der IV: vgl. www.assistenzhunde.ch. Diese Webseite ist nicht mehr auf dem Netz.

Aufgrund der ausgrenzenden Migrations- und Asylpolitik in der Schweiz befasste ich mich auch immer mehr mit der Materie des Straf- und Massnahmenvollzugs.

Der Einsatz für Gefangene bringt keine Sympathie. Keine noch so berechtigten Argumente – Menschenrechtsverletzungen, voreingenommene Gutachter und mediale Vorverurteilung – vermögen die Öffentlichkeit aufzurütteln bzw. in ihrem immer mehr von Rachegedanken durchtränkten Abstimmungsverhalten zu beeinflussen.

Im Angesicht des Todes

Anfang Februar 2016 wurde bei mir Darmkrebs metastasierend auf die Leber diagnostiziert. Meinen Einsatz für die hochgesteckten Ziele für den von mir gegründeten Verein „komass“, Verein für Kohärenz im Massnahmenvollzug, musste ich gänzlich aufgeben.

Plötzlich sah ich mich mit dem eigenen Ableben konfrontiert. Wie durch Nebel vernimmt man die niederschmetternde Diagnose. Taumelnd und kaum fähig, etwas zu entgegnen, geschweige denn, Fragen zu stellen, geisterten die Worte des Arztes in meinem Kopf herum. War es das? War das alles, was ich vom Leben zu erwarten hatte – und vor allem in dieser Gesellschaft noch leisten konnte? Ist dies das Aus?

Mechanisch, aber hoch konzentriert delegierte ich Aufgaben an meine Assistentinnen, welche meiner Auffassung nach noch erledigt werden mussten. Dies vor der bevorstehenden lebensgefährlichen Operation.

Das Schwerste war nicht etwa, das Testament oder gar die Patientenverfügung zu verfassen – nein, es war das Unterzeichnen der Verzichtserklärung betreffend die beiden Katzen und meiner Hündin. Ich wollte auf gar keinen Fall, dass Hinterbliebene über ihr Schicksal entscheiden.

So übergab ich meine geliebten Tiere in die Obhut eines Tierheims, welches mir auch in der Vergangenheit immer zur Seite stand, wenn Not an der Frau war. Der Winter und das Entfernen des Hundekots bereiteten mir grosse Probleme in den letzten Jahren. Zu allem Übel hob die Stadt Zürich die meisten Hundewiesen in meiner Umgebung auf.

Währenddessen liefen die Vorbereitungen im Triemli-Spital für meine bevorstehende Operation auf Hochtouren. Zahllose Telefonate wurden mit Spezialisten geführt. Immerhin hatte man keine Ahnung, wie sich die bevorstehende Operation auswirken würde. Zumal ich ja die Glasknochenkrankheit habe und klein wie ein Kind bin.

Zu der führenden Viszeral Chirurgin Dr. med. Annelies Schnider fasste ich sofort Vertrauen. Später berichtete sie mir, dass sie, als sie meinen Bauch geöffnet hatte, dachte,: „Da kann ich gleich wieder zumachen.“ Es hatte sich ein Abszess gebildet- und es sah nicht gut aus. Aber dann hätte sie plötzlich einen zweiten Impuls gehabt, der ihr sagte, wenn sie jetzt zumache, sei dies das sichere Ende. Also entschied sie, die Operation durchzuführen. Es fehlten ihr die geeigneten Instrumente und sie musste sie per Helikopter einfliegen lassen.

Aber ein Reststück hinter dem Rektum konnte sie behinderungsbedingt nicht entfernen. Auch blieb ja noch die Problematik der Lebertumore. Sie räumte ein, ich müsse mich einer Chemotherapie unterziehen.

Im Mai 2016 begann ich mit einer Chemotherapie. Es wurden mir Tabletten verabreicht, deren Dosis kontinuierlich gesteigert wurde. Die Nebenwirkungen wurden mir beschrieben. Eine davon war, dass sich die Blutplättchen zurückbilden könnten, wodurch eine Blutanämie entstünde. Aber keine Sorge, meinte die behandelnde Ärztin, man kontrolliere das Blutbild regelmässig.

Die Lebertumore wurden kleiner, und ich schöpfte Hoffnung, dass sie ganz verschwinden würden und ich endlich, endlich wieder ein normales Leben führen könne.

Damals war ich noch im Triemli in Behandlung. Einer meiner Freunde berichtete mir über die guten Erfahrungen, welche sein an Lungenkrebs erkrankter Cousin in einer anthroposophischen Klinik in Arlesheim machte. Er werde mit Mistelinfusionen behandelt. Das Therapieangebot sei breit gefächert, Eurythmie sowie Musik- und Maltherapie gehöre auch dazu. Er ermunterte mich, doch im Paracelsus-Spital in Richterswil eine Zweitmeinung einzuholen und mich bezüglich allfälliger Mistelinfusionen beraten zu lassen.

Wie es der Zufall wollte, eröffnete der dortige Direktor der onkologischen Abteilung eine Praxis in Zürich. Umgehend vereinbarte ich einen Termin mit Dr. med. Boris Hübenthal. Schon während des ersten Gespräches war mir klar, dass ich mich inskünftig von ihm behandeln lassen wollte. Herr Dr. Hübenthal erklärte, er habe eine gute Zusammenarbeit mit dem Triemli und werbe grundsätzlich nie Patienten ab.

In meiner ungestümen Art erwiderte ich, dies könne er getrost mir überlassen. Wie gesagt so getan. Ich stornierte sämtliche Termine im Triemli und liess die KG (Krankengeschichte) an Dr. Hübenthal überstellen. Das dortige Ambiente war einfach leichter zu ertragen. Ich atmete auf und durfte lachen, wenn mir der Sinn danach schwebte. Für mich war das ZIO schon bald keine Klinik im herkömmlichen Sinne mehr. Ich fühlte mich ziemlich „Daheim“. Was ich übrigens noch nie irgendwo tat. Im Triemli hatte ich stets das Gefühl, als wenn eine Aufschrift: „Sie haben nur noch ein paar Monate zu leben!“ auf dem Namensschild des jeweiligen Arztes stehen würde. Das Triemli behandelte mich gut und fachgerecht. Ich würde in einer Notfallsituation jederzeit wieder in das Triemli-Spital gehen.

Ich versprach mir von einer anthroposophischen Herangehensweise an die Problematik, dass nicht nur der Körper, sondern auch Seele und Geist mit ins Boot geholt werde.

Zwischen dem Begründer und Leiter des ZIO (Zentrum für integrative Onkologie), ehemaliger Direktor des Paracelsus-Spitals und mir entstand eine Gesprächskultur, welche die Grenzen der üblichen Kommunikation zwischen Arzt und Patientin bei Weitem überstieg. Wir hatten ein gemeinsames Thema: Leben und Tod. Was kann es je Wichtigeres geben? Ich vertraute ihm. Das hat sich nie geändert. Manche Dinge ändern sich zum Glück nie!

Dr. Hübenthal erzählte mir von seiner Homepage: „Zu Ende leben“ www.zuendeleben.ch. Am Anfang bereitete mir dies eher grosses Unbehagen. Zu Ende leben? Hiess das nicht sterben? Weiter führte der passionierte Arzt aus, man müsse wissen, wofür man lebe. Ja, da war ich mir sicher. Ich wusste, für was ich lebte. Zumindest meinte ich es. Ob wenn auch die Ansicht darüber sich noch ziemlich verändern sollte. Das Grundlegende blieb immer gleich.

Ich wollte helfen. Ich wollte heilen. Ich wollte erforschen, wie weit man Selbstheilungskräfte mobilisieren kann. Für Pflanzen und deren Wirkstoffe interessierte ich mich ja bereits zwei Dekaden. Damals aus einer Notlage heraus. Ich hatte mit schwersten Hämorrhoidalvorfällen zu kämpfen. So begann das ganze Drama. Wahrscheinlich waren diese die Vorboten des Darmkrebses. Natürlich weiss ich das nicht. Ich werde Dr. Hübenthal bei Gelegenheit fragen, wie er das sieht.

Ich begann schamanische Praktiken zu erlernen und anzuwenden. Das erworbene Wissen über Vitamine half mir damals, meine Hämorrhoidalvorfälle einigermassen in die Schranken zu verweisen. Zumindest bis im Frühjahr 2013. Danach begann die ganze Misere von vorn. Ich bekam die Situation nicht mehr in den Griff. Es war weitaus dramatischer. Ich begann stark abzunehmen, verlor an Kraft und konnte kaum noch alleine sitzen, geschweige denn eine Kaffeetasse hoch heben. Daher kaufte ich Plastikgeschirr. Das war die einzige Möglichkeit etwas zu mir zu nehmen, wenn keine Assistentinnen anwesend waren.

Es kam soweit, dass ich nicht einmal mehr meinen Kopf heben konnte und mehr oder weniger bettlägerig wurde. Die Spitex musste kommen.

Die Not sollte kein Ende nehmen! Es war mir schlicht und ergreifend nicht mehr möglich, meine Hündin Tainia zu versorgen. Sie musste in ein Tierheim.

Ich war immer noch der subjektiven Meinung, ich bräuchte nur mehr Zeit. Die Gesundung würde sich dann schon von selbst einstellen.

Weit gefehlt! Immer öfter verlor ich das Bewusstsein oder befand mich in einem tranceähnlichen Zustand. Mein Umfeld begann sich ernsthafte Sorgen um mich zu machen. Berechtigt. Es ist aber so, dass solche Zustände keineswegs unangenehm sind. Im Gegenteil: Man erfährt viel über sich selber. Über das bisher Gelebte. Was geändert werden muss und vieles mehr.

Als ich dann eines Tages meinen Körper verliess und mich von oben sah, und wichtige Stationen meines Lebens mit allem drum und dran wie in einem Film an mir vorbei zogen, wusste ich, was ich umgehend in meinem Leben ändern musste. Dennoch wollte ich mich aber immer noch nicht in medizinische Behandlung begeben, wo ich schon längst hin gehört hätte.

Eines Nachts aber träumte ich. Eine Nonne erschien mir. Dies war schon einmal der Fall, als ich in höchster Lebensgefahr war. Damals, nach einer Hüftoperation rief sie mir zu, sofort die Nachtschwester zu rufen. Ich wachte auf und fühlte Nässe unter meinem Gesäss. Ich dachte, dass ich wahrscheinlich durch die Narkosemittel einnässte. Dem war nicht so. Ich war am Verbluten.

Diesmal teilte mir die Nonne mit, dass ich innerliche Blutungen habe und mich umgehend in ärztliche Behandlung begeben müsse. Spätestens seit diesem Zeitpunkt höre ich auf meine Träume und beachte meine Vorahnungen.

Zum grossen Glück habe ich einen Onkologen wie Dr. Hübenthal! Ihm nämlich, kann ich solches erzählen. Wenn ein Traum mich auf das Wachstum der Tumore aufmerksam macht, darf ich ihm dies getrost erzählen.

Schon manches Mal fragte er mich vor einem anstehenden CT (Computertomographie): „Was sagen die Träume, Frau Moser?“ Ja, sie bewahrheiten sich dann auch immer. Auch im Positiven.

Ich lade Sie, liebe Leser und Leserinnen herzlich dazu ein, die Homepage und im Speziellen auch das Interview des ungewöhnlichen Arztes anzuschauen: www.zuendeleben.ch

Ja, zu Ende leben. Darum geht es für alle, nicht nur für an Krebs erkrankte Menschen. Fragen wie, habe ich meine Träume wahr gemacht? Tue ich das, was ich wirklich möchte? Lebe ich das Leben anderer? Versuche ich, es immer allen recht zu machen? Habe ich den Mut, auch Fehlschläge einzustecken, wenn mir mal etwas nicht gelingt? Inwieweit bin ich vom Lob anderer abhängig? Versuche ich immer, allen zu gefallen? Habe ich Angst vor Zurückweisung? Wie sagt der Vater der Gestalttherapie, Fritz Pearl, doch so treffend? „Die Angst vor Abhängigkeit und Zurückweisung sind die Verursacher der grössten psychischen Probleme der Menschheit.“ Übrigens auch bei Hunden, nebenbei bemerkt.

Oder um es in Dr. Hübenthals Worten (siehe Video „zu Ende leben“, auszudrücken: „… Ein anderer Punkt, den wir ja natürlich, gar nicht glauben würden, dass wir ja eigentlich in vielen Punkten gelebt werden und nicht selber leben. Und durch eine Krebserkrankung kann es sein, dass man plötzlich erfährt, ja Moment mal ich hab jetzt viel von meinem Leben eben leben lassen und hab es nicht selber gelebt. Und die Chance das zu erkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen die verändert enorm was. Nämlich weil uns Krankheit zeigt, dass wir eben zum einen in einer Endlichkeit leben zum andern, dass wir vielleicht bestimmte Dinge im Leben ja übersehen haben, dass wir vielleicht über einige Warnsignale hinaus gefahren sind und das wir mit der Krankheit die Chance haben neue Einsichten zu gewinnen und uns eben auch weiter zu entwickeln. …“

Zu Ende leben bedeutet heute für mich, jede Minute das zu tun, was mir wichtig ist und wofür ich einstehe. Die Vergangenheit können wir nicht ändern – die Zukunft hingegen schon. Im Hier und Jetzt zu leben liegt das Geheimnis.

Vor ein paar Wochen bin ich in der Nähe meines Wohnortes fast unter den Bus gekommen. Der kam auf der anderen Spur wegen Strassenbauarbeiten. Kognitiv nahm ich ihn erst war, als er schon auf meiner Höhe war. Wer oder was den Joystick des Rollstuhls augenblicklich los lassen liess, ist mir bis heute unerklärlich.

Was lernte ich daraus? Es bedarf keiner Krebserkrankung, sein Leben augenblicklich zu verlieren. Es soll schon jemand in einer Wasserschüssel seiner Katze ertrunken sein, weil er, aus mir nicht bekannten Gründen, das Bewusstsein durch einen Sturz verlor.

Im Hier und Jetzt liegt die ganze Kraft. Die Vergangenheit gehört uns nicht mehr – und die Zukunft wird uns nie gehören. Uns bleibt die Gegenwart. Diese aber kann unsere Zukunft verändern, falls wir diese je erleben werden. Nicht böse sein, ich pflege gerne zu scherzen.

Der Galgenhumor hat mich schon manch schwere Situation überstehen lassen. Davon werden Sie wahrscheinlich noch genug zu lesen bekommen.

Heute ist Sonntag und es schneite letzte Nacht. Wir wollen den Krebs nicht über unser Leben bestimmen und uns dadurch dominieren lassen. Wahrscheinlich ist dieser heute aber auch gerade im Wochenende. Was meinen Sie?

In diesem Sinne heisse ich Sie auf unserer Webseite herzlich Willkommen und stehe Ihnen jederzeit gerne für Gespräche zur Verfügung.

Herzlichst

Ihre Annelise Moser

 

Annelise Moser

Annelise Moser